Archiv: Interview mit Martin Müller (SÜDWEST Presse)

Kein Zweifel am Potenzial und keine Blitztransfers

Der TV Neuhausen, in der Saison 2012/2013 noch in der 1. Handball-Bundesliga, ist in der 2. Bundesliga auf den drittletzten Tabellenrang abgerutscht. In den letzten zehn Punktspielen gab es acht Niederlagen, ein Remis und nur einen Sieg. Zudem verzeichnet man Zuschauereinbußen beim Metzinger Stadtteilklub. Grund genug, um bei Martin Müller, Geschäftsführer der TV Neuhausen Handball-Bundesliga GmbH, nachzufragen.

Herr Müller, der TV Neuhausen hat sich zuletzt im Heimspiel gegen den TV Emsdetten (26:32) wie ein Absteiger präsentiert. Man rutschte auf einen Abstiegsplatz in der Zweitliga-Tabelle ab. Machen Sie sich ernsthafte Sorgen?

MARTIN MÜLLER: Natürlich befinden wir uns in einer bedenklichen Situation. Das Wort Sorgen ist in diesem Sinne jedoch eher der falsche Begriff. Denn Sorgen finden keine Lösungen. Das heißt, wir sind aktiv mit der Analyse und der Optimierung beschäftigt, um die Lösungsansätze zu etablieren. Verbesserungen hervorzuheben und direkt in die neue strategische Ausrichtung einzubinden.

Offenbar haben Zuschauer nach dem Spiel am Samstagabend gesagt, dass sie den TVN schon seit zehn Jahren nicht mehr so schlecht spielen gesehen haben. Warum ist das Niveau derart massiv in den Keller gerutscht?

MÜLLER: Die Frustration über dieses Spiel war nicht nur bei der Mannschaft, sondern auch in der Halle auf den Rängen zu sehen. Missstimmung und Unzufriedenheit gibt Anlass dazu, Vergleiche mit der Vergangenheit anzustreben, was verständlich ist, aber im direkten Vergleich nicht passt. Es wurden Fehler gemacht, die deutlich sichtbar waren. Wie zum Beispiel unsere Anfangsaufstellung gegen Emsdetten, aber auch die Nichtumsetzung der guten Vorbereitung aufs Spiel. Dies sind Fehler, die gemacht wurden, jedoch nicht mit dem Niveau zusammenhängen. Das Niveau ist vorhanden, denkt man allein an die ersten drei Spiele.

Liegt es einzig an der Personalsituation, an dem Fehlen von Leistungsträgern und wichtigen Akteuren wie Tim Keupp oder Karl Toom, zudem an den zahlreichen Verletzungen und dem kleinen Kader?

MÜLLER: Das Fehlen von wichtigen Akteuren ist sicherlich eines der Hauptgründe. Wir vermissen nicht nur diese torgefährlichen Spieler, sondern können auch unsere anderen Leistungsträger nicht entlasten, was diese an ihre Grenzen in Leistung und Physis führt. Auch der psychologische Effekt wirkt sich entsprechend aus, was deutlich erkennbar war im vergangenen Spiel gegen Emsdetten. Der Druck, die beiden Punkte in Neuhausen zu behalten, war natürlich enorm. Man konnte in den ersten Minuten bzw. in der ersten Halbzeit eine Art "Brasilien-Effekt" (Fußball-WM-Halbfinale Brasilien - Deutschland 1:7) erkennen. Dieser war durchweg in der gesamten Mannschaft präsent. Die Vorbereitungen auf das Spiel liefen sehr gut - die Umsetzung war schlicht nicht vorhanden. Bevor realisiert wurde, was hier geschieht, ist der Gegner mit Volldampf vier Tore weggezogen. Leider hat die kämpferische Leistungsverbesserung in der zweiten Halbzeit auch nicht viel verbessern können.

Im Vergleich zum Vorjahr fehlen dem TVN fast 200 Zuschauer pro Partie im Schnitt. Stellt dies nur eine unbefriedigende statistische Zwischennote dar oder wirkt sich dieser aktuell feststellbare Zuschauerrückgang auch auf die Bilanzen und den Handlungsspielraum der TVN-Handballer negativ aus?

MÜLLER: Fehlende Zuschauer gleich reduzierte Einnahmen - dies ist die logische Ableitung, welche in jedem Unternehmen, das wirtschaftlich agieren muss, klar ist. Im Hinblick auf die Frage nach Blitztransfers oder schnellen Neuverpflichtungen ist dies ein möglicher Aspekt, welcher zum jetzigen Zeitpunkt jedoch keine Option darstellt, weil unsere Mannschaft ein Potenzial besitzt, welches durchaus in der Lage ist, sehr gut in der 2. Bundesliga mitzuspielen. Allein wenn man sich die Spiele gegen Eisenach, in Rimpar oder gegen Ferndorf ins Gedächtnis ruft, in welchen trotz personeller Probleme sehr gut gespielt wurde. Wir hatten bis dato drei Partien, die lediglich mit einem Tor verloren wurden, zwei Begegnungen mit zwei Toren, drei verlorene Spiele mit drei Toren. Daran kann man deutlich erkennen, dass das Potenzial vorhanden ist. Wir haben kein Spiel mit zehn Toren Unterschied verloren.

In vielen Sportarten und bei vielen Vereinen beginnen in sportlichen Krisen die Diskussionen um die sportlich Verantwortlichen, meist wird der Trainer in Frage gestellt. Ist dies beim TV Neuhausen in Ansätzen auch der Fall oder rein überhaupt kein Thema?

MÜLLER: Es ist keine Frage des Trainers an sich, eher die Frage der Umsetzung. Wie zuvor erwähnt, die Leistungspotenziale sind da - auch die Leistung. Die finalen zwei Tore fehlen. Dass nach einem Spiel wie gegen Emsdetten diese Frage aufkommt, ist verständlich. Die Stellschrauben sind jedoch in allen Bereichen zu drehen und nicht nur durch einen vermeintlichen neuen Trainer, der wieder in die Mannschaft finden muss, der sein System integrieren muss, was nicht von heute auf morgen geschehen würde. Es haben intensive Gespräche mit dem Trainerstab, der Mannschaft und der Leitung stattgefunden. Wir haben gemeinsam analysiert und Punkte klar auf den Tisch gebracht. Diese sind in gemeinsamen Entwicklungen in eine neue strategische Ausrichtung gebracht worden und direkt zur Umsetzung gekommen.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass es bald wieder aufwärts geht? Wie kann man den Bock umstoßen?

MÜLLER: Hoffnung geben mir die Gespräche und die neue Ausrichtung. Sowie das Wissen um das Potenzial, das vorhanden ist, und die Möglichkeit diese Stärke wieder zu entfalten sowie die Mannschaft mit den fehlenden Akteuren bald wieder zu verstärken.

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Alexander Mareis