Archiv: TV 1893 Neuhausen - VfL Bad Schwartau (SÜDWEST PRESSE)

Perfektion folgt auf Frust: Heiligabend schon am 17.12.

Das Christkind war eine Woche zu früh dran. In der Neuhäuser Hofbühlhalle gab es bereits am 17. Dezember die Bescherung. Lohn für Zusammenhalt und starkes Krisenmanagement. Die jüngste Negativserie von 1:13 Punkten hat die Neuhäuser Handball-Verantwortlichen und Spieler zwar stark beschäftigt und nachdenklich gemacht. Aber nie gänzlich am Potenzial der Mannschaft zweifeln lassen. Am Samstagabend wurden sämtliche Ketten gesprengt. Mit einer überragenden Leistung, die im ersten Durchgang an eine Spitzentruppe erinnerte, schlug der TV Neuhausen hochverdient den Tabellenvierten VfL Bad Schwartau mit 30:27. TVN-Trainer Alekandar Stevic staunte: "Unglaublich, dass wir zwei so unterschiedliche Gesichter zeigen konnten wie gegen Emsdetten und nun gegen Bad Schwartau. Wir waren bockstark und agierten mit viel Leidenschaft. Vor allem in den ersten 30 Minuten bot meine Mannschaft eine überragende Abwehrleistung." Die ganze Partie über lagen seine Schützlinge in Führung und begeisterten die 792 Zuschauer mit einer in dieser Art und Weise kaum zu erwarteten Galavorstellung. "Ich dementiere Vermutungen, dass wir die Neuhäuser unterschätzt haben. Gerade nach dem schwachen Auftritt gegen den TV Emsdetten gingen wir davon aus, dass sich der TVN gegen uns rehabilitieren will. Während wir eine leidenschaftslose Vorstellung gezeigt haben, hat uns Neuhausen viel Herz und Leidenschaft entgegengehalten. Die erste Halbzeit war nahezu perfekt gespielt von den Gastgebern", lobte auch Bad Schwartaus Trainer Torge Greve die entfesselten Ermstäler.

Von Beginn an wirkte der TVN wie ausgewechselt. Von mangelndem Selbstvertrauen nach fünf Niederlagen in Folge war nichts zu spüren. Hochkonzentriert, aggressiv und variabel ging man in der Deckung zu Werke. Die Ostholsteiner waren davon so verblüfft, dass ihnen erst nach fünf Minuten und 15 Sekunden das erste Tor gelang. Nach siebeneinhalb Minuten lag der TVN mit 4:1 vorne, nach knapp elfeinhalb Zeigerumdrehungen mit 7:3. In der Anfangsphase machte besonders Christian Wahl auf sich aufmerksam, dem sowohl Drehwürfe wie präzise trockene Abschlüsse von außen gelangen. Überhaupt: Fehlwürfe und schlechte Chancenverwertung waren am Samstagabend absolute Mangelware auf Neuhäuser Seite. Beide Siebenmeter im Spielverlauf wurden verwandelt und selbst das Torwartduell entschieden die Metzinger Vorstädter nahezu sensationell für sich. Bad Schwartaus Keeper Dennis Klockmann war mit dem Ruf, einer der besten Keeper der 2. Bundesliga zu sein, angereist. Gegen den TUSEM Essen waren ihm sagenhafte 25 Paraden geglückt. Am Samstag stand er klar im Schatten des überragenden Daniel Rebmann, der wegen der Schulterentzündung von Magnus Becker diesmal durchspielte. Der Neuhäuser Keeper, bis auf einen Siebenmeter (als Yannick Hölzl kurz zwischen die Pfosten sprang), pausenlos im Kasten, machte 13 gegnerische Würfe zunichte, während Klockmann nur einen einzigen Ball vor der Pause und fünf Paraden nach dem Seitenwechsel verzeichnete. Entnervt hatte der Gästekeeper zwischen der 19. und 27. Minute sein Gehäuse geräumt und Platz für Marino Mallwitz gemacht, dem freilich in diesen acht Zeigerumdrehungen keine einzige Parade gelang.

Einen gehörigen Anteil an den jeweiligen Torhüterstatistiken hatten die Deckungsreihen beider Teams. Während die Gäste mit ihrer 6:0-Abwehr vor der Pause überhaupt keinen Erfolg hatten, machten sie es den Ermstälern mit einer offensiven 5:1 nach dem Pausentee etwas schwerer, ohne damit eine Wende herbeiführen zu können. Der TVN, der laut fast jedem gegnerischen Coach unorthodox deckt und gerne zwischen einer 3:2:1 und 5:1 hin und her wechselt, stellte die Schwartauer lange vor ein Rätsel. Die 16:11-Führung nach 30 Minuten war sichtbarer Beweis der fabelhaften Arbeit. Beim 12:6 (18. Minute) und 13:7 (21.) lagen sogar sechs Tore zwischen den beiden Kontrahenten.

Nach Trainer Greves Halbzeitpredigt stellten die Gäste zwar um und sich auch besser auf den TVN ein. Der Vorsprung schmolz und mehrmals wurde es ergebnistechnisch eng. Bei acht Zwischenständen im zweiten Durchgang lagen nur zwei Treffer zwischen den Mannschaften, beim 22:21 (nach gut 48 Minuten) und 25:24 (55.) zwei Mal nur ein Tor. Doch im Gegensatz zur Vergangenheit blieb der TVN stabil, verlor nie die Nerven und Übersicht. Auf alles hatte man die passende Antwort und zog wieder davon. Genau eine Minute vor Schluss wuchtete der erneut starke Andreas Bornemann zum 29:26 ein - die Entscheidung. Der letztliche 30:27-Erfolg, zweifellos laut Tabellenstand eine faustdicke Überraschung, war absolut verdient, der Sieg aber noch nicht einmal extrem gefährdet.

Besser hätte die Stimmung für die bis 1 Uhr morgens andauernde, direkt ans Spiel anschließende TVN-Weihnachtsfeier in der Hofbühlhalle nicht sein können. Die Zuschauer, die zuvor wie eine Wand hinter ihrem Team standen, erhielten Schokoladen-Nikoläuse von den glücklichen Spielern.

Besonders stressig war es für Jan Reusch. Der Juniorennationalspieler musste bereits nach wenigen Stunden Schlaf am Sonntag nach Warendorf im Norden Nordrhein-Westfalens aufbrechen, wo er bis Mittwoch an einem Lehrgang mit den deutschen Junioren teilnimmt.

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Alexander Mareis